Um weiteren, möglicherweise missgedeuteten, Blickkontakt zu meiden, starrte ich konsequent auf die teuren Teppiche und suchte das Muster in ihnen, während ich mich vor bis in die Küche quetschte, zum Waschbecken, das einen großen Metalleimer mit gekühlten Getränken beherbergte. Drei weitere standen auf der Marmortheke, umzingelt von Knabberzeug und Dips, M&M’s und Gummibärchen. Letztlich fand ich noch einen Plastik-Kübel auf dem Boden, der nur Alkoholfreies enthielt und entsprechend unbeliebt war. Ich kniete nieder, suchte eine Coke und hörte Laura Tristan anschreien, indes ich zwischen den Eiswürfeln fündig wurde. Sobald ich mich aufrichtete, merkte ich, wie sämtliche Wärme aus meiner Umgebung gesaugt wurde.

Aus meinen Adern.

Die Worte „sese omnes amant“ erfüllten die Luft und durchschnitten den Coldplay-Remix. Ich schmeckte Tod und Verzweiflung, entdeckte steinerne Augen, die mich verfolgten. Die Wände kamen auf mich zu, als der Raum mich zerquetschen wollte. Ein dunkelhaariger Junge reichte mir etwas und gerade da ich fragen wollte, ob er mich verwechselte, rempelte ich Luke an, der es mir wieder wegnahm und ihm zurückgab.

„Spiel mit Zoey“, erklärte er meinem Gegenüber, der die Limettenhälfte nun skeptisch musterte, ehe er sich mit einem letzten Blick auf mich vom Acker machte. Eine Limette?

Luke beugte sich vor, damit ich ihn verstand. „Bleib fern von Zitronen und Limetten und trink besser nicht von dem Erdbeer-Limes, egal wie viele dir versichern, er sei schwach. Keine Frucht-Shots, keine Longdrinks mit Fruchtspießen. Wenn du den Abend genießen willst, Hände weg von allem Fruchtigen. Ich habe sie beim Anrühren beobachtet und Jared später damit herumhantieren sehen.“ Er lachte leise über meinen Gesichtsausdruck, nahm mir die kühle Flasche aus der Hand, um sie wegzustellen, und tadelte kopfschüttelnd: „Du bist doch gerade volljährig geworden.“

Ohne zu fragen griff er neben sich und fischte einem Mädchen, das sich soeben einschenkte, das Glas aus der Hand. Ihre Beschimpfungen ignorierte er galant, selbst nachdem sie ihn „Arschloch“ nannte, warf er ihr lediglich eine Kusshand zu. Matt hatte das Ganze beobachtet und ging schließlich kopfschüttelnd dazwischen, gab der Rothaarigen ihr Getränk wieder und mir ein anderes.

Kaum hielt ich es in meinen Händen, dirigierte Luke ihn weg und widmete sich mir mit ungeteilter Aufmerksamkeit. Seine dunklen Augen waren in einem wirklich gut aussehenden Gesicht eingelassen. „Bist du doch? Letztes Wochenende?“

Ich räusperte mich und konzentrierte mich auf seine Fragen. „Am Samstag.“

„Und du hast gefeiert, erzählt man sich.“

„Mit Freunden, ja.“

Luke stützte sich auf die hellgraue Marmortheke und fuhr mit dem Finger den Rand seiner Bierflasche nach. „Und jetzt erkläre mir, Mimi, warum ich nicht dazu eingeladen war.“

Mein Herz hatte angefangen zu rasen, pumpte Blut durch meine Ohren und brachte sie zum Rauschen. Dunkle Fäden in meinem Sichtbereich machten aus dem Gesicht des Gastgebers eine bösartige Fratze. Ich wischte die Benebelung, so weit es ging, weg und unterdrückte den Impuls, wütend aufzustampfen. Es war unfair, dass ich Morgans Blicken hilflos ausgesetzt war, ohne zu wissen, von wo aus er mich beobachtete.

Ich soll ihm ausweichen, aber er muss es nicht?

„Weil wir uns nicht kannten.“

Luke, mittlerweile bademantellos und nur noch in kurzen Shorts, die muskulöse Beine offenbarten, entfuhr ein kleines Lächeln, während er mir eine Hand um die Schulter legte. Warum nur gehen die Jungs an diesem Abend sofort auf Tuchfühlung?

„Das würde ich gern ändern.“

Ich verspannte mich weiter und versuchte das Zittern zu unterdrücken. Bemerkte er, dass der Inhalt meines Glases hin und her schwappte?

„Das wird schwer werden …“, meine Stimme verlor sich. „Wir haben unterschiedliche … Freundeskreise.“

Seine vollen Lippen verzogen sich zu einem Grinsen, er kippte wortlos die Flasche und prostete mir zu. „Du hast dich mit Shelby hervorragend geschlagen. Nicht viele geben ihr Kontra.“

„Eigentlich hab ich einen längeren Geduldsfaden. Aber sie hat etwas an sich, das mich irgendwie sofort provoziert.“

Luke beobachtete mich einen langen Moment, bevor er auflachte. „Was das wohl sein könnte …?“

Seltsamerweise hatte ich den irrwitzigen Gedanken, er könnte auch an einen umwerfenden Quarterback denken und spürte die Röte in meinen Wangen. Wie auf Kommando erreichten mich neue Qualen. Ich schaute mich auf der Suche nach einer Idee um, die aber auf sich warten ließ. Überall fielen Menschen übereinander her, auf Tischen, dem Boden, der Treppe. Wenn ich nur Drew fände.

Luke versuchte, mich wieder an sich heranzuziehen.

„Hast du Drew gesehen?“, fragte ich ihn still.

„Negativ.“ Er nahm einen langen Zug aus seiner Flasche und warf sie achtlos weg. Ich wischte mir über die feuchte Stirn. Luke legte mir die Hand auf den Rücken und schob mich zur Seite, weil vier Leute ein Bierfass vorbeitrugen. Himmel, warum tanzten Flecken auf meinen Sichtfeld? Seine Hand lag schwer auf mir, als mir schwindeliger wurde und ich um Halt rang. „Du kriegst gerade einen blassgrünen Gesichtston, Mimi. Wie viel hast du heute Abend getrunken?“, fragte er, während er meine Pupillen einer sorgsamen Prüfung unterzog. Ich mochte seinen gebieterischen Ton nicht, war aber dankbar für die Stütze.

„Keine zwei Cocktails. Ich bin nicht betrunken.“

Bitte lass mich gehen. Bitte lass mich gehen können.

Bitte ….

„Soll ich vielleicht mit dir an die frische Luft?“

Luft. Gute Idee. „Hmmm, nein, danke, das kriege ich alleine hin. Bleib du nur bei deinen Gästen.“

Ich machte mich von ihm los und griff sofort wieder nach seiner Hand, da mir unsichtbare Messer tiefe Furchen ins Gesicht gravierten. Ein Schnitt, zwei, drei, zwanzig. Es kamen binnen Sekunden Dutzende hinzu, das erste Blut begann meine Arme und Beine herunterzurollen und sammelte sich auf dem Boden neben Lukes Füßen zu einer kleinen Pfütze. „Mimi?“, fragte er besorgt.

Seine Augen huschten über die rechte Schulter.

Ich schluckte und widerstand dem Drang, mein Kleid in Fetzen zu reißen, um die Blutung zu stillen. Die Erde kippte rapide zur Seite.

„Sorry“, meine Stimme klang weit weg, „aber ich muss wirklich dringend hier raus.“

Und mich verstecken.

Bis Morgan wieder weg ist.

Er nickte an mir vorbei, dann umschlossen seine Finger meine Hand und er bahnte sich ohne ein weiteres Wort schubsend den Weg aus dem stickigen Raum, hielt erst an der Terrassentür des Wohnzimmers an und lehnte mich dagegen. Ich begrüßte die Kühle auf meiner Haut. Die Menschen teilten sich erneut und Shelby tauchte neben uns auf. „Was hat sie?“

„Geh feiern, Shelby. Ich komme nach.“

Eine neue Lethargie legte sich auf mich, weil seine Stimme aus weiter Ferne klang: „Mimi? Ich geh gerne mit dir.“

Shelby schnaubte. „Bring sie einfach hoch in eins der Gästezimmer und lass sie ihren Rausch ausschlafen.“

„Ich bin nicht betrunken“, wiederholte ich, während Luke ihr erklärte: „In ihrem Zustand würde ich sie nicht mal in meinem Zimmer schlafen lassen. Sie wäre gefundenes Futter für jeden Besoffenen, der zufällig hineintorkelt.“

„Ihre Freunde finden sie schon rechtzeitig.“

Wie ich ihre Stimme hasste. Um mich davon abzulenken, führte ich mein Glas an den Mund und nahm einen großen Schluck, bevor ich durchzuatmen wagte.

Normales Wasser?

Soviel Verantwortungsbewusstsein hatte ich Matt gar nicht zugetraut. Vielleicht war er doch netter, denn gedacht.

Obwohl ich mich anscheinend ausserhalb Morgans Reichweite befand – das Lied war komplett verstummt, das Gefühl in den Gliedern kam zögerlich wieder und meine Haut hatte zwar noch einen feinen Schweißfilm, war aber sonst völlig unversehrt – fühlte sich mein Kopf noch leicht an. Mit einem Blick auf meine Freunde entschied ich, während Luke und Shelby diskutierten, sie außen vor zu lassen. Bat ich jemanden, mich zu begleiten, würde das ohnehin nur dazu führen, dass er oder sie fragte, ob wie es mir gehe, ich würde ehrlich antworten und er oder sie mich für erschöpft oder blass aussehend befinden. Das würde darin gipfeln, dass ich schneller daheim landete, als ich „Ihr spinnt doch“ sagen konnte.

Außerdem wollte ich keinen von ihnen stören. Abby und Gabe standen beim DJ und gingen mit ihm CDs durch, das letzte Mal, dass ich Drew gesehen hatte, unterhielt er sich gerade mit Brooke – juchhu! – und Terrance mit Sean und Grant. Michelle und Tori waren schon länger unauffindbar. Ich nahm an, sie hatten irgendwelche Jungs kennengelernt.

„Leute? Habt Spaß, okay? Geht tanzen. Ich komme zurecht.“

Ich fühlte, wie Lukes Finger mir das Haar hinters Ohr strichen, bevor er nickte. Er zog mich an seinen Körper, fixierte meinen Nacken mit seiner Hand und raunte: „Sag Drew, er soll dich öfter mitbringen“, bevor er die Terrassentür öffnete und wartete. Sobald sie lautlos hinter mir zuglitt, war ich woanders. Die dröhnende Musik verklang fast vollständig und die Hitze verlor sich in der kühlen Nacht. Ein paar Leute standen am Pool herum, unterhielten sich und rauchten, etliche Paare besetzten engumschlungen teuer aussehende Bast-Liegestühle und waren mit sich selbst beschäftigt. Ich gewährte ihnen die nötige Privatsphäre und ging unauffällig an ihnen und der Gruppe vorbei in einen entlegeneren Teil des Grundstücks, nahe einem kleinen Kräutergarten. Daneben spendeten am Tag hochgewachsene Bäume Schatten, zwischen denen die Luxusvariante eines Baumhauses befestigt war, das wiederum den Blick auf ein aufblasbares Kinderbecken ermöglichte, in dem das Wasser stand und einige Blätter trostlos auf der Oberfläche trieben.

Ich beugte mich gerade darüber, da begann der Boden unter mir sich zu drehen. Erst langsam, schließlich schnell und schneller wand sich der Wirbel um mich und meine Umgebung und zwang mich in die Knie. Um mich abzustützen, ließ ich mein Glas fallen und hörte ein dumpfes Geräusch, weil es im Wasser aufschlug. Sekunden später wurde mir schlecht.

Etwas stimmte nicht.

Diese Übelkeit war anders, nicht vergleichbar mit den Schmerzen, die Morgan bei mir auslöste – oberflächlich und kalt. Entsprechend panisch reagierte mein Körper auf den unbekannten Impuls. Ich versuchte ihn abzuwehren, wieder aufzustehen und ins Haus zu gelangen, aber meine Koordination war das Letzte und meine Augen nicht imstande, sich auf einen Punkt zu konzentrieren.

Ruhig bleiben. Versuch dich aufzurichten.

Doch allein die Frage, wie ich dafür Arme und Beine bewegen musste, blieb unbeantwortbar. Mein Kopf schien plötzlich leer und das Blut floss aus meinen Händen und Füßen und ließ sie kalt zurück.

Die Musik wurde laut und wieder leise, doch das konnte ich mir auch eingebildet haben. Am schlausten war es vermutlich, sich nicht von der Stelle zu rühren und abzuwarten, bis jemandem auffiel, dass ich fehlte. Darin hatte ich Übung.

Ich verlagerte das Gewicht und setzte mich so hin, dass keiner unter mein Kleid gucken konnte, dann dachte ich an Anna und wie sie sich vorstellte, auf einer einsamen Insel zu sein, wenn sie gestresst war. Sacht schloss ich die Augen.

Blaues Meer umspülte meine Füße.

Möwen kreisten mit festen Schwingen über meinen Kopf.

Dolchstöße durchhieben meine Brust.

Dem Schmerzimpuls folgend griff ich mir panisch ans Herz. Es blutete es unter meinen Fingern kläglich aus. Angsterfüllt schlug ich die Augen wieder auf, um prüfend an mir herabzustarren. Nichts. Hunderte Violinen gaben ein wundervolles Crescendo, bei dem mir der Schweiß ausbrach, spitze Zähne wühlten sich dabei in meine Haut und gruben sich tiefer und tiefer, hundertfach und schnell, mit dem Ziel, mich zu zerfleischen. Noch bevor die Sopranstimme einsetzte und der Himmel über mir zu einem fulminanten Sternenregen wurde, an dessen Horizont Klageschreie ertönten, sah ich ihn am Pool stehen. Auch wenn er verschwommen und schwarz-weiß war, erkannte ich an der Art, wie er die Schultern durchstraffte, dass es Morgan sein musste. Erkannte an seinem Spiegelbild im Wasser, dass er sich bewegte.

Und er kam genau auf mich zu.

Eiserne Fäuste hieben auf mich ein, zertrümmerten meine Knochen, einen nach dem anderen. Mehrere Hände wurden mir gereicht, zerfetzte, verfaulte Hände, die zu keinem Körper gehörten. Ich schlug nach ihnen und wich zurück, mein Armband leuchtend rot. Ein Reiter galoppierte auf seinem schnaubenden Tier dicht hinter mir vorbei, doch ich wusste, wenn ich mich umdrehte, wäre da niemand. Sobald die Höllenhunde im Kräuterbeet ihre wartende Position einnahmen, ohne ein einziges Blatt zu zerknicken, und die Sängerin zärtlich anfing, stets eine Zeile zu wiederholen, war alles, was ich mit Sicherheit wusste, dass ich das nicht lange ertragen würde.

„Mimi?“

Die Art, wie seine Stimme meinen Namen aussprach, sprengte sich in mein Bewusstsein ähnlich einer Offenbarung. Durch den Schmerz hindurch flackerte Sehnsucht auf. Bis meine Wunde am Kopf aufriss und das Blut in Strömen meinen Nacken entlang lief.

„Geh weg“, bat ich, doch er kam ungetrübt wenige Meter vor mir zum Stehen. Ich schloss wieder die Augen und konzentrierte mich darauf, nicht ohnmächtig zu werden.

Das Einzige, was sich rührte, war der Reiter. Sein ungeduldiges Tier stampfte auf.

Anstatt Morgans sich entfernende Schritte zu vernehmen, machte mich ein anderes Geräusch neugierig und ich blinzelte um zu erkennen, wie er vor mir Platz nahm.

Je näher er mir war, desto selbstzerstörerischer gebärdete sich mein Körper.

Stromschläge jagten unkontrolliert durch mich hindurch und mündeten in Schwärze. Doch so sehr ich es versuchte, ich konnte nicht aufstehen.

„Bitte“, meine Stimme war nur ein Flüstern, „bitte hör auf mir wehzutun.“

Er hatte eine elegante schwarze Hose an, die zu einem Anzug gehören musste, und an seinem weißen Hemd die obersten Knöpfe geöffnet. Sein Profil schwebte keinen Meter vor mir und war makellos, indes er den Reiter anvisierte und dabei eine Handbewegung vollführte. Geschöpfe, Gerüche und Geschmäcker erstarrten für eine Sekunde. Mein Körper stand still. Die Nachtluft sandte eine Brise durch den Garten und spielte mit seinen Haaren, schickte seinen Duft zu mir. Ich atmete tief ein, inhalierte seinen herben, frischen Geruch, der sich mit der Hitze seiner Haut vermischte. Es war wie ein perfektes Stillleben und ich versuchte, es mir detailliert einzuprägen. Dann war der Moment vorbei und er wandte den Kopf, um mich zu betrachten. Augenblicklich flutete neuer Schmerz jede Faser meines Seins.

„Amore dolores“, sang ich das Lied still mit, um nicht darüber nachzudenken, wie jedes Organ in mir anfing zu versagen.

„Darf ich etwas versuchen?“ Seine Frage durchkreuzte meine Bemühung und an dem verzweifelten Punkt, an dem ich angelangt war, hätte ich ihm sogar erlaubt, mich bewusstlos zu würgen, nur um eine Sekunde befreit durchatmen zu können. Ich nickte vorsichtig. Auch wenn ich ihm nicht traute, wie viel Schaden konnte er mir schon noch ernsthaft zufügen?

Er streckte eine Hand aus und nahm meine in seine.

Ich schreckte vor der ungewohnten Berührung zurück, doch da hielt er meine Rechte bereits fest umklammert. Zuerst fühlte ich nur das Prickeln auf meiner Haut, ehe Flammen durch meinen Arm schossen. Momente später flackerte in seinen Augen Schmerz auf, während sich meiner verflüchtigte und die Welt um uns in einer Symphonie aus Farben versank. Was in mir gerade noch schrecklichen Qualen ausgesetzt gewesen war, heilte auf wundersame Weise, durchdrungen von der wohligsten Wärme.

Kaum ließ er mich los, fühlte ich mich wie nackt.

„Wie hast du das gemacht?“, fragte ich ihn, doch er schüttelte den Kopf.

Von dem Reiter war nichts mehr übrig und die skelettierten Hände machten keine Anstalten mehr, mich zu erreichen. Meine Schmerzen waren wie weggeblasen. Einzig das Lied tanzte zwischen uns.

Damit würde ich zurechtkommen.

Unsicher zupfte ich an einem Grashalm und seufzte. „Danke.“

Die Art, wie er sich auf den Armen zurücklehnte und mich musterte, zeugte von reinstem Hochmut. Er wirkte sichtlich bemüht. Bemüht, sich zurückzuhalten.

Wovon wollte ich gar nicht erst wissen. Mir lag nur am Herzen, dass mein Zustand einigermaßen stabil blieb. Und nichts weniger war in Gefahr, solange Morgan bei mir saß.

„Nun – das war sehr freundlich, aber ich denke, ich schaffe den Rest. Du kannst ruhig zurück zu deinen Freunden.“

Flüchtig drehte er sich um und warf einen Blick auf das Haus. In meinem Magen spielten die Schmetterlinge förmlich verrückt. Ich hasste es, dass er in Reichweite war, ich ihn küssen wollte.

Noch mehr aber, dass ich es nicht konnte.

Sobald er dazu überging, mich wieder nachdenklich zu mustern, musste ich unter seinem intensiven Blick schlucken. Mein Gesicht wurde heiß und mein Magen zog sich zusammen. Dass er mich mit so geringem Aufwand derart in Mitleidenschaft ziehen konnte, war kaum fair.

Er machte keine Anstalten zu gehen. Oder zu reden. Dann würde ich eben seine Aufmerksamkeit dafür nutzen, mit ihm zu sprechen.

„Ich will nicht unhöflich sein, schließlich hast du mir wahrscheinlich gerade das Leben gerettet – schon wieder. Aber wie clever ist es, jemandem zu helfen, der einem ‚sein Leben‘ zerstört und den man ‚vom Hals geschafft‘ bekommen möchte?“ Ich zeichnete die Anführungsstriche in die Luft und starrte ihn herausfordernd an. „Das Problem hätte sich vielleicht gerade von selbst erledigt.“

„Du belauschst mich?“

„Nicht mal die Frage willst du beantworten?“

„Warum bist du hier?“ In seinem Blick loderte es.

„Weil ich eingeladen wurde.“

„Von Luke“, sagte er amüsiert.

„Und?“

„Wie gut kennst du Luke?“

„Was tut das zur Sache?“

Er setzte sich wieder auf und überging meine Frage.

Öfter mal was Neues.

Während er weitersprach, deutete er mit der Linken auf sein Hemd. „Ich sollte gerade auf dem Bankett meiner Eltern sein.“

Gedankenverloren schweiften seine Augen zu seiner Rechten und meine taten es ihnen nach. Meine Hand lag wieder in seiner. Verwirrt dachte ich darüber nach, sie wegzuziehen, spürte aber, wie richtig es sich anfühlte, dass meine Hand in seine gehörte – und sagte das Erstbeste, was Sinn machte: „Brooke ist doch auch da.“

Er winkte ab. „Weil sie wusste, dass ich erscheinen würde. Sie will sichergehen, dass ich keine Dummheiten mache.“

Warum bist du hier?“ Es war eher, dass ich laut nachdachte, als dass ich von ihm eine Antwort darauf erwarten würde. Überraschenderweise gab er mir eine.

„Ehrlich? Ich wollte da sein, wo du bist.“

Ich blickte sprachlos in seine Augen, musste ermessen, wie sinnlos es war, mich über seine Worte zu freuen. Das ist der berühmt-berüchtigte Morgan Vegard! Wie hoch stehen die Chancen, dass das nur einer seiner Sprüche ist?

Eine Ahnung machte sich in mir breit und ich teilte sie ihm vorsichtig mit. „Soll das bedeuten, dass wir beide hier erscheinen mussten?“

Unumwunden hielt er meinem Blick stand. „Das soll bedeuten, dass wir es uns nicht wirklich aussuchen konnten. Es wird schwerer werden, das zu tun, was wir wollen, wenn das was wir wollen, einander meiden ist.“

„Das ist das, was du willst“, hielt ich ihm vor und hätte mich am liebsten dafür geohrfeigt. Mein Mund war schneller gewesen als mein Verstand.

Seufzend legte er meine Hand zurück auf mein Knie. „Weil es das Beste für mich ist. Und für dich.“

Bei seiner belehrenden Art kochte in mir die Wut hoch.

„Ich kann dir nicht sagen, wie satt ich es habe, dass andere Leute entscheiden, was das Beste für mich ist. Meine Tante, Abby, Drew. Aber es wird schlichtweg lächerlich, wenn nun noch Fremde, die mich offensichtlich mit einer fanatischen Leidenschaft verabscheuen, es plötzlich auch zu wissen meinen. Und nur damit das klar ist, ich meide dich bereits. Aber“, ich zuckte mit den Schultern und verdrängte das schlechte Gewissen, lauter geworden zu sein, „wenn dein Glück derart davon abhängt, werde ich mich verstärkt bemühen, dir nicht hat mehr unter die Augen zu treten.“

„Das wird nichts nutzen“, sagte er nüchtern.

„Und warum nicht?“, funkelte ich ihn an.

Morgan kniff die Lippen zusammen und drehte den Kopf weg.

Um uns war es ruhig geworden.

„Wo war ich letzten Freitag?“, versuchte ich es anders. „Was ist das?“, ich zeigte auf mein Armband, „und woher kommt dieser Song?“

Selbstverständlich erhielt ich keine einzige Erklärung. Noch nicht einmal eines Blickes wurde ich gewürdigt. „Herrgott, Morgan! Ist es wirklich zu viel verlangt, wissen zu wollen, warum das mit mir geschieht?“

Ich war auf einhundertachtzig, als er sich endlich dazu bequemte, den Mund zu öffnen: „Beruhige dich.“

„Fahr zur Hölle“, entgegnete ich und stand entschieden auf. Meine Beine fühlten sich an wie Wackelpudding. Die Bäume um mich griffen nach mir und vermischten sich mit dem anklagenden Flüstern der Nacht. Mittendrin hörte ich mein rasendes Herzklopfen und spürte wie ich abhob, um zu fliegen. Im nächsten Moment wurde mir schwarz vor Augen.

Simona Dobrescu Verdammt. Verliebt.

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